Volker Kutscher, Rath

Grandioser Abschluss von Volker Kutschers Reihe um die Berliner Ermittler Gereon und Charlie Rath

Wer einen lebendigen Eindruck davon bekommen möchte, wie sich das Leben in Deutschland 1938 nach der Machtübergabe an die Rechtsradikalen angefühlt hat, der ist beim zehnten und letzten Band von Volker Kutschers Reihe um den Ermittler Gereon Rath bestens aufgehoben.

Gereon Rath ist allerdings nicht mehr die Hauptfigur: wir haben im Laufe der Serie mehrere Personen kennengelernt haben, die Rath heissen, Gereons Bruder z.B.,  allen voran aber Charlie Ritter, die Gereon geheiratet hat. Sie ist die wirkliche Hauptperson dieses Bandes. Während sie mit klarem Blick die Nazis und ihr ihr gewalttätiges Handeln durchschaut, redet sich Gereon Rath die Lage weiterhin schön. Sie bezieht klar Stellung und riskiert damit, selbst in Gefahr zu geraten. Er ist wegen seines sterbenden Vaters anonym nach Deutschland zurückgekehrt und traut sich nur gelegentlich aus seinem Versteck.
 
Volker Kutscher gelingt es, die psychologische Zeichnung seiner Figuren mit genauer historischer Analyse zu verbinden. Beides lässt er in den Grausamkeiten der Reichspogramnacht kulminieren.
 
 
Mich hat vor allem die Wucht beeindruckt, mit der Kutscher mir den Alltag 1938 unter den Nazis nahebringt.
Die allgegengewärtige Gewaltbereitschaft, das Hierarchiegehabe, das Verschwinden von Wärme, Menschlichkeit und Werten. Das Vordringen von Bespitzelung und Denunziation. Das markige Gefasel der Nazis, dass nun alles besser würde - was aber ja nur für sie selber stimmt. Die teils subtilen, teils brutalen Mechanismen, durch die sich der Unterdrückungsstaat festsetzt - so ähnlich gerade jetzt in den USA zu besichtigen. 
Dabei fügt sich die eigentliche Krimihandlung um zwei ermordete Hitlerjungen in Volker Kutschers Buch geradezu nahtlos in den gewaltvollen Alltag ein.

 

Volker Kutscher: Vom Lokalredakteur zum Erfolgsautor mit Haltung

Volker Kutscher, geb. 1962,  wurde nach Abschluss seines geisteswissenschaftlichen Studiums zunächst Redakteur bei verschiedenen Tageszeitungen. Großen Erfolg hat Kutscher mit seiner Reihe von Kriminalromanen um den Berliner Kriminalkommissar Gereon Rath. Diese Krimis spielen in den unsicheren Zeiten Ende der Zwanziger- und Dreißigerjahre und lassen die Leserinnen und Leser miterleben, wie die Nazis sich allmählich nicht nur in der Regierung, sondern auch mit ihrer Ideologie in den Herzen und Köpfen vieler Menschen einnisten.

 

Volker Kutscher, Rath, Piper, 624 S., ET 24.1o.24,   26 Euro

 


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Über die Autorin dieses Blogs

Jutta Günther 

  • Neugierige und kritische Krimileserin
  • TV-Reporterin und Hörfunk-Redakteurin (Radio Bremen; Tagesschau; Morgenmagazin etc. bis 2023)
  • Krimikritikerin und -rezensentin im Nordwestradio und bei Bremen Zwei bis 2023
  • Jurorin Radio Bremen Krimipreis
  • Jurorin Krimibestenliste 
  • seit 2024 ehrenamtliche Richterin am Landgericht Bremen

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